last bird standing
26. Mai 2017
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von Lena

„Raskolnikow- humanity is overrated“ - ein Stück über die Entstehung menschenverachtender Ideologien und Attentäter - ist ein bildgewaltiges Stück, es brummt und brüllt und beißt dich manchmal regelrecht in die Ohren. Doch zwischen den emotionalen Spielszenen gibt es immer wieder Momente der Stille: Eine unbeantwortete Frage schwebt im Raum. Eine Sprachlosigkeit macht sich breit. Immer wieder fehlen die Worte oder finden den Weg nicht in den gesprochenen Ausdruck. Raskolnikow selbst spricht ohnehin fast nur, wenn er allein ist, im entscheidenden Moment, in dem er sich an seine Freunde wenden könnte, kriegt er kein Wort raus. Mit den Fremden in der Kneipe „Irgend“ und „Jemand“ geht es zwar leichter- doch hier sind es nur Zitate anderer, die den Weg aus ihm heraus finden.

Vielleicht sind diese Phasen der Stille auch ein Ausdruck unserer eigenen Sprachlosigkeit angesichts der Gewalt, die sich in diesen Zeiten immer wieder Bahn bricht. Manches verwandeln wir Künstler und finden eine Form dafür auf der Bühne, die uns für ein paar Momente aufatmen lässt. Oder lachen. Oder Abstand finden. Oder eine Lösung sehen für den ganzen Irrsinn. Doch manches bleibt wohl einfach in der Luft zwischen uns schweben und bleibt unaussprechlich, bleibt nur fühlbar diffus.

Die Bühne mündet in den Hinterhof des Glockseeareals, wo sich auch der Notausgang befindet, der direkt über unseren kleinen Hintergarten in den Hof führt. Manchmal hört man die Menschen im Hof gedämpft reden, auch während der Vorstellung. Doch am lautesten ist im Mai ein kleiner Piepmatz, der wohl sein Nest direkt über der Tür gebaut hat. In der Dämmerung piept und pfeifft er nochmal richtig um alles loszuwerden bevor er schlafen geht. Da sind wir in der Vorstellung oft in den letzten Szenen angekommen und es tschilpt und zwitschert in unsere Stille hinein. In unsere Sprachlosigkeiten, die zwischen uns stehen und um die sich der Vogel einen Vogeldreck schert: Es ist Frühling und das Leben geht weiter und lockt uns mit den nahenden Sommerabenden auf Wiesen und Balkonen, mit Freunden im Garten und Blicken in den blauen Himmel, vom dem jeder ein Fleckchen abkriegen sollte.
Zur heutigen letzten Vorstellung ziehen wir hier unseren Hut vor unserem „Last bird standing“ und bedanken uns für 15 Vorstellungen standhafte Positivität angesichts aller Herausforderungen, die vor uns liegen...

 
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