„Merry crisis and a happy new fear!“...
20. Dez 2016
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von Lena

„Merry crisis and a happy new fear!“... las ich neulich bei einer Freundin und mußte lachen. Da hatte doch jemand mein Gefühl zur momentanen Weltlage präzise auf den Punkt gebracht.
Und dann fährt ein LKW Leute tot auf dem Berliner Weihnachtsmarkt.
Und ich mach die Glotze aus. Was? Ja, richtig gelesen. Glotze aus.
Mag sie nicht mehr, die Sensations - Spekulanten, mag auch selber nicht mehr dazugehören: "ist es vielleicht... oder nicht....oder doch....hasteschongehört..."
Ich melde mich bei Berliner Freunden, ob alle OK sind. Bis jetzt alle OK.
Ob auch ich einfach irgendwann jemanden anrufe- und es ist nicht mehr alles OK? Hm.
Ich erkenne mich selber nicht. Vor einem Jahr saß ich noch heulend und händeringend vor der Glotze bei ebensolchen Ereignissen. Abgestumpft? Herz-Erkaltung?
Ich erfinde sogar einen blöden Witz:
A mampf „Was ist das?“
B mampf „ein Terrorkeks“
A mampf „Total geschmacklos!“
Ich dekoriere meine Wohnung weihnachtlich, inklusive Fotos meiner Liebsten. Wollte ich die ganze Zeit und ich werde mich verdammt nochmal nicht abhalten lassen, weil....
Alles in mir hat keine Angst. So,hm. Aber... doch...nein, keine Angst. Vielleicht Trotz. Und es dreht sich mit aller Macht und schaut nicht weg, nicht wirklich, sondern fängt stattdessen immer gezielter an zu suchen. Nicht mehr zu erstarren. Zu suchen nach einer Lösung, einem Weg, gezielter Dinge zu stärken. Gerade zu werden. Zu wachsen. Die andere Seite der Waage zu bestücken. The lovely side of life.
Ich drücke meinen Freund und sage ihm, dass ich ihn lieb hab. Ich habe es heute schon vielen Menschen gesagt. Na gut, einen hab ich ziemlich angemotzt aber insgesamt war es schon ein liebevoller Tag. Und je schlimmer alles wird, je öfter irgendwas passiert, desto öfter und lauter will ich sie herausposaunen, die Liebe, fällt mir dabei auf. Desto mehr merke ich, was mir wichtig ist. Was wirklich wichtig ist. Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar für den Frieden und Wohlstand in dem ich aufwuchs. Für den Luxus, zu tun, was ich möchte, zu tragen, was ich möchte, zu sagen, was ich möchte. Und ich das erhalten und mehren will. Theater zu machen, die Dinge von verschiedenen Seiten zu beleuchten, zu diskutieren, probieren, scheitern, weiterzumachen.



Ein Statement der AfD zum Thema Theater fällt mir ein, dass mich gestern morgen den Kopf schütteln ließ. Und auch hier bin ich dankbar, dass es mir in gewisser Hinsicht doch die Augen öffnet, dass all das, was ich, was wir für selbstverständlich halten an Meinungs- und Kunstfreiheit in anderen Ländern nicht selbstverständlich ist und auch bei uns mal anders war- und von einigen „besorgten Bürgern“ auch wieder so gesehen werden will.
Und dass wir uns offenbar langsam bis schnell ernsthaft dafür einsetzen sollten, dass es nicht wieder soweit kommt.
Male ich schwarz?
Ich fühle mich, als müsste ich nun in diesen Tagen nochmal Kraft schöpfen und seelische und physische Reserven anfuttern für die anstrengenden Zeiten, die da kommen. Denn ein hochpolitisches Jahr liegt auch im Theater vor uns in dem wir uns vielen unbequemen Themen widmen:
Warum drehen so viele Menschen durch? In „Raskolnikow - humanity is overrated“ erforsche ich mit einem Team anhand von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und Recherchematerial das Thema Amoklauf und Terror . 
In „Der Bau oder die Gründung des Fight Club Dachs“ widmen wir uns der inneren und äußeren Abschottung und dem Rechtsruck in Deutschland just zur Bundestagswahl. Mit „Das wundersame Aktionsbündnis der Tante Trottoir“ werden wir uns im positiven Aktionismus im öffentlichen Raum üben und für jeden ein Stück blauen Himmel finden. Und in „Ach, das Meer“ wird Helga and Friends das blaue Meer besingen, das so viele verschiedene Sehnsuchten birgt, trennt, vernichtet oder vereint.

Trotz- oder gerade wegen der Geschehnisse des fast vergangenen Jahres- freue ich mich auf das nächste. Es ist was im Wandel, aber wir sind nicht hilflos, wenn wir uns nicht hilflos machen. Wir haben viel zu tun und müssen unsere Geschicke in die Hand nehmen anstatt sie täglich serviert zu bekommen, wie es die meisten von uns lange Zeit gewohnt waren. Wir werden gefordert (uns) zu erkennen, zu bewegen, zu öffnen, zu verbinden, zu entscheiden.
Wenn wir wollen, werden wir daran wachsen.

 
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